
Julia Hollander, Musikerin, erfolgreiche Opernregisseurin und Komponistin in England, bringt Imogen, ihr zweites Kind zur Welt. Bei der Geburt läuft einiges schief. Fünf Monate nach der Geburt sind sie und ihre gesamte Familie kurz vor dem Zusammenbruch. Julia trifft eine schwere Entscheidung: Sie gibt ihre schwer behinderte Tochter Imogen zu einer Pflegemutter. Auf 333 Seiten lässt sie die Leser an dem teilhaben, was 2002 und 2003 passierte. Jahre später ist sie soweit, das Geschehene auch schriftlich zu verarbeiten. 2008 erscheint ihr mutiger Lebensbericht in England und im selben Jahr bereits auch auf Deutsch. 2010 kommt es schon in zweiten Auflage heraus. Ganz offensichtlich hat Julia Hollander mit ihrer Lebensbeichte Türen geöffnet. Denn die Kommentare im Internet und auch das Medieninteresse am Schicksal ihrer Familie zeigen, dass Fälle wie der ihrer nicht ganz selten sind, aber wohl noch nie in ähnlich offener und schonungsloser Weise an die Öffentlichkeit getragen wurden.
Nach inneren Blutungen hat Julia einen Frühabgang. Vieles ging in diesem Moment schief. Hebammen und Ärzte sowie das Krankenhauspersonal haben teilweise falsche Entscheidungen getroffen und v.a. die Gebärende nicht richtig betreut. Es dauert lange, bis sie nach vielen medizinischen Irrläufen die verheerende Diagnose bekommt: Zerebralparese. Imogen ist schwer behindert, sie hat Epilepsie, Sehstörungen und ihre Gehirnmasse stirbt unter schrecklichen Schmerzen ab. Endlich bekommt Julia dadurch auch die Erklärung, warum ihr Kind nahezu rund um die Uhr schreit. Was folgt ist die Schilderung ihres Kampfes um die Gesundheit von Imogen und gegen das Krankenhaus, die Hebammen, die Ärzte, die fahrlässig gehandelt haben. Es folgt aber auch ihr innerer Kampf, ihre Zerrissenheit, zu einer Entscheidung zu kommen. Ihr Lebensgefährte, auch freischaffender Musiker, stellt sie vor die Wahl: er oder das Kind. Sie schildert ihre Verfasstheit, die von völliger Erschöpfung bis hin zu Mordfantasien gegenüber Imogen gehen. Schließlich entscheidet sie sich: Imogen wird zur Pflegemutter Tania gegeben. Sie hat bereits zwölf behinderte Kinder in Pflege genommen. Für Julia ist diese Entscheidung ein großer Kampf, ein Kampf zwischen Verstand und Mutterliebe, zwischen Kraft und Erschöpfung, ein Kampf um Familienzusammenhalt und gegen Versagensängste. Schon allein das Ausfüllen der Formulare wird für sie ein Kraftakt, von dem sie in berührender Weise schildert, wie die Entscheidung sie an ihre Grenzen bringt. Doch Julia sieht, wie gut es tut, Imogen bei Tania zu erleben, wie sich ihr Familienleben normalisiert, wie ihre erste Tochter Ellie mit der Situation umgeht, und wie es ihr hilft, sich mit anderen Eltern auszutauschen, die Ähnliches wie sie durchgemacht haben. Nach einiger Zeit entscheidet sich Julia noch ein Kind zu bekommen. 2004 wird Beatrice geboren.
Bastei Lübbe, Köln, 2010, 8,99 Euro
LIGA Bank eG
Regensburg
| Ktnr | 134 22 66 |
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